‘inside view’

  • IV#04_2010_ChemTrails_138x108cm
  • IV#03_2010_Longing for Home_138x108cm
  • IV#02_2010_Coming Down_70x90cm-86
  • IV#01_2010_EastWind_108x138cm-84

Zwischen Himmel und Erde ein Hausdach. Hoch oben über den Lichtern der Großstadt eine Plattform der totalen Gegenwart. Die Stadt als Symbol für die Erhabenheit des menschlichen Geistes, der teilhat am Außen und sich im selben Moment nach innen richtet.
Alleine und doch verbunden, schwebend und doch mit Bodenhaftung, sitzt ein Mann im Lotussitz auf einem Mauerrand, der dieselbe Farbe hat wie seine helle Hose.
Der Mann meditiert, ganz bei sich und auf den ersten Blick kaum zu sehen, er geht auf in der Umgebung der Wolkenkratzer, wird Teil von Stadt und Nacht und bleibt doch als Eindruck haften, ein Innehalten auf den zweiten Blick. Die Stadt wirkt unwirklich, ihre Lichter werden zum Sternenhimmel zwischen Beton in beige und grau.

Der meditierende Blick gilt der eigenen Wahrnehmung, dem inneren Raum. “inside view” – die Augen geschlossen doch weit geöffnet, die Sinne geschärft fürs das Wesentliche.
Leuchtende, geheimnisvolle Bilder und bedeutungsschwere Titel ziehen den Betrachter hinein in eine mystische Wirklichkeit. “inside view” begibt sich als sinnlich-sphärische Serie auf eine Reise in Zwischenwelten und erkundet die Randstellen der Wahrnehmung: eine Feier des Moments, eine Verneigung vor der Freiheit, eine Hommage an den Geist. Das eindrucksvolle Panorama ist sichtbar vom Hochhausdach, doch der Porträtierte sitzt mit geschlossenen Augen, eingehüllt in die Akustik der Stadt, vertieft in sein eigenes, inneres Panorama.

Ich trifft Außen trifft Vereinigung allen Seins, Grenzüberschreitung und Bewusstseinserweiterung und die heilige Stille zwischen zwei Atemzügen, während der ewige Strom des Automobilverkehrs die Straßen bevölkert. Das verheißungsvolle Blau der Dämmerung liegt wie eine Decke über der Stadt, zwischen Tag und Nacht, Hell und Dunkel. Zärtlich leuchten die Lichter, doch die Menschen, für die diese Lichter leuchten, bleiben unsichtbar.

Die Welt ist unendlich groß und doch komprimierbar, sie passt als Gebetskette in einen kleinen Beutel. Zwischen klein und groß, Mensch und Materie ist alles schon da, entfaltet sich in der Zwiesprache mit einer höheren, transzendenten Kraft in der rituellen Handlung des Gebets. Die Welt ist alles und alles ist Welt, Mantra für Mantra wiederholt sich die Essenz allen Seins in der Einheit von Individuum und Welt-All.
“world in my pocket” findet seine Poesie in der Brüchigkeit der Bildsprache. Ein Dach inszeniert sich als Zeuge vernachlässigter Wirklichkeit inmitten von Rohren, Satellitenschüsseln, heruntergefallenen Ziegelsteine und nachlässigem Graffiti. Ein Nicht-Ort, der besiedelt wurde, ein Transitraum, dessen sich habhaft gemacht wurde, für einen kleinen Moment der zeitlosen Utopie.

Erlebte Zeit und ersehnter Ort finden nicht zusammen und doch wohnt diesem Zwischenraum eine poetische Ruhe inne, ein versöhnliches Ankommen auf Probe, ein Schutzraum, der den Blick freilässt über die Weite einer großen Stadt zur blauen Stunde. “longing for home” erzählt den Moment einer kleinen Stille, ein scheinbar unbeobachteter Augenblick, ein heimliches Aufatmen in der Dämmerung hoch über den Dächern einer Metropole. Das Bild erlaubt es dem Betrachter, mit angehaltenem Atem unmittelbarer Teil dieser sakralen Szenerie zu werden und fängt es ein, das schwindende Licht an der Schnittstelle von Verbindung und Entgrenzung.

Der Meditierende fügt sich nicht ein, kontrastiert das leidenschaftliche Treiben der Großstadt. “Feel the heart of NY” bewirbt das Empire State Building sein Observation Deck. Wie sieht Raum aus? Wo ist er, wie fühlt er sich an, wo sind seine Ecken und Kanten und wie weit breitet er sich aus? Wo im Raum verorte ich mich? ” inside view ” fängt den Gegensatz ein und findet einen organischen Rhythmus: Das eigene Herz, der eigene Atem, im Pulsschlag einer immer wachen Stadt.

“inside view” ist universal. Das Dach der Welt hat keine Koordinaten, auf den Gipfeln des Himalaya ist es genauso zu finden wie im Häuserglühen neuzeitlicher Kuppeln vor einem schiefergrauem Himmel, eingefangen in “east wind”. Das Dach der Welt ist eine innerer Welt, ein eigenes Erkennen, ein stiller Blick über die Stadt, gestreift vom Wind, der alles trägt.

“inside view” ist so auch eine Serie über die Freiheit des Loslassens, eine Geschichte über den transzendenten Augenblick zwischen Entgrenzung und Verbindung, eine fragmentarische Spurensuche nach der Welt in uns und um uns herum.

Text: MADELEINE PENNY POTGANSKI